Warum ein zweiter Bachelor Sinn machen kann

Canel Uc macht in Würzburg bereits seinen zweiten Bachelor. Foto: My Hanh Huynh
Canel Uc macht in Würzburg bereits seinen zweiten Bachelor. Foto: My Hanh Huynh

Canel Uc hatte bereits einen Bachelor in der Tasche, als er ein weiteres Bachelorstudium begann. Ein Umweg, der ihm trotzdem wichtig war.

Von My Hanh Huynh

Würzburg im Hochsommer, es ist Mittagszeit. Geräusche hallen durch den kühlen Eingangsbereich der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Man hört Türen einrasten und leises Kichern. Mit jedem weiteren Schritt in das Gebäude wird es heller, bis man inmitten einer lichtdurchfluteten Empfangshalle steht. Verschiedene Kunstwerke sind an den Wänden ausgestellt, massive Tische und Bänke stehen im Kontrast zu der nüchternen Atmosphäre. Fast alle Tische sind von Studenten besetzt.

Am vordersten Tisch sitzt Canel Uc. Er legt sein Handy weg und kramt in seiner Ledertasche. Vor ihm liegt ein Tablet. Canel ist bereits etwas älter als viele der Studierenden um ihn herum. Er studiert im Bachelor Wirtschaftswissenschaften. Das Studium in Würzburg ist bereits sein zweiter Bachelor.

Nach dem Bachelor folgt der Master – oder?

Canel wirkt eigentlich wie ein gewöhnlicher Student. Was die wenigsten wissen: Er hat bereits einen Bachelor in der Tasche. Nach dem Abitur 2013 studiert er am Karlsruher Institut für Technologie. „Das KIT gilt als das deutsche MIT und ich wollte zu Porsche. Ich war naiv, also habe ich dort mit Maschinenbau angefangen“, sagt er. Canel verliert schnell das Interesse am Studium, den Bachelor schließt er trotzdem erfolgreich ab: „Ich tat es wegen der Titelfunktion. Ein Bachelor an einer der besten technologischen Universitäten Deutschlands ist schon ansehnlich im Lebenslauf.“

Heute befindet er sich im zweiten Bachelorstudium. Dieses diene als weiterer Titel und Grundlage für einen wirtschaftlichen Master. „Ein weiterer Bachelor folgt definitiv nicht! Mein finales Ziel ist die Selbstständigkeit“, sagt Canel.

Abgänger, die den Bachelorabschluss erreichen, orientieren sich meistens nicht nochmal um. Das hat finanzielle und psychische Hintergründe. Primär fehlt es an Durchhaltevermögen oder Selbstreflexion. Studenten wie Canel gehören also zur Minderheit, trotzdem beweisen sie, dass es anders geht. Und zwar, dass nach dem Bachelor nicht zwangsläufig ein Master oder ein schneller Einstieg ins Berufsleben folgen muss.

Der akademische Grad Bachelor

Der akademische Abschluss Bachelor basiert auf einer europaweiten Hochschulreform aus dem Jahr 1999. Der Bachelor soll als harmonisierter Studienabschluss dienen. Er soll Studierenden dabei helfen, schneller Arbeit zu finden.

20 Jahre später sieht die Realität allerdings häufig anders aus. Nach der Deutschen Industrie- und Handelskammer, sind viele Unternehmen nicht zufrieden mit Berufseinsteigern, die nur den Bachelor vorweisen. Gleichzeitig heißt es, seien viele Studenten bereits während ihres ersten Studiums überfordert. Den Master streben sie erst gar nicht an.

Es wirkt als würden Anforderung der Studiengänge und Fähigkeiten der Schulabgänger nicht übereinstimmen. In Deutschland werden über 20.000 verschiedene Studiengänge angeboten. Von Abfallwirtschaft bis Zahntechnik. Viele Schulabgänger sind sich den unzähligen Möglichkeiten allerdings nicht bewusst. Ein Grund dafür könnte mangelnde Informationsbeschaffung sein. Die Versuchung eine komplett andere oder gar falsche Richtung einzuschlagen ist groß. Es wird nicht der richtige Bachelor, sondern irgendein Bachelor angestrebt: Hauptsache Studienabschluss.

Werden Anreize falsch gesetzt?

Studenten sind einer Dilemma-Situation ausgesetzt: Sie müssen sich zwischen Erfolgschancen und Selbstverwirklichung entscheiden. Viele Titel bedeuten viel Zeitaufwand. Die Uhr auf dem Arbeitsmarkt tickt. Auszeiten zu nehmen oder Umwege zu gehen, fällt schwer.

Canel hat sich dafür entschieden es anders zu machen, als die meisten seiner früheren Studienkollegen. Sein erstes Bachelorstudium sieht er nicht als Nachteil. Im Gegenteil bringt es nun sogar Vorteile mit sich. „Während andere sich Grundlagen aneignen, erkenne ich bereits Zusammenhänge. Ich habe im ersten Studium gelernt, wie man lernt“, sagt er.

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