Semesterticket Kultur – taugt das was?

Das Semesterticket Kultur kommt zur Spielzeit 2018/19. Foto: Moritz Kemnah.
Das Semesterticket Kultur kommt zur Spielzeit 2018/19. Foto: Moritz Kemnah.

In Würzburg wird das Semesterticket Kultur eingeführt. Für zwei Euro pro Halbjahr sollen Studierende das Mainfranken Theater kostenlos besuchen können. Das finden nicht alle gut.

Von Moritz Kemnah

Eigentlich sind Felix und seine Kommilitonen keine Theatergänger. Aber die Studenten der Wirtschaftswissenschaften stechen kaum aus dem Publikum heraus, das unter wehenden Fahnen der USA und Chinas auf dem Platz vor dem Mainfranken Theater wartet. Um sie herum stehen viele junge Menschen; viele davon Studierende. Viele sind dem Anlass entsprechend, trotz des heißen Sommerabends, in Hemden gekleidet.

Freikarten für Studenten

Gelockt hat die Studierenden das Angebot des Mainfranken Theaters, kostenlos die Oper „Nixon in China“ zu besuchen. Bereits für die Stücke „Was ihr wollt“ und „Blaubart/Sacre“ hatten die Betreiber Tickets verschenkt. Die Verantwortlichen des Mainfranken Theaters wollen damit auf das Projekt „Semesterticket Theater“ aufmerksam machen. Die Idee dahinter: Jeder Studierende zahlt zwei Euro pro Semester – und kann dafür sooft er will kostenlos die Veranstaltungen des Mainfranken Theaters besuchen.

Die studentischen Gremien und auch der Verwaltungsrat des Studentenwerks hatten einer Erhöhung des Semesterbeitrags zugestimmt. Im Juli hat auch der Stadtrat grünes Licht gegeben, vorerst für zwei Jahre. Das Ticket kann zum Wintersemester 2018/19 kommen.

Kostenlos vor dem Orchestergraben

Felix sagt, die zwei Euro sei er gerne bereit zu zahlen: „Die Leistung wiegt die Kosten allemal auf.“ Inzwischen ist es bereits 19 Uhr. Die Gruppe geht zur Theaterkasse, alle zeigen ihre Studierendenausweise vor und bekommen ihre Freikarten ausgehändigt: Orchesterplätze.

So wird es auch sein, wenn das Ticket kommt: fünf Prozent der Plätze sind dann für Studierende bis zu vier Wochen vor einer Veranstaltung reservierbar – mehr, wenn die Auslastung es zulässt. Und selbst die letzten Karten stehen den Studierenden, wenn sie nicht mehr verkauft werden können, an der Abendkasse zur Verfügung. Das gilt für alle Sparten – also Theater, Musiktheater, Konzerte oder die Opern.

Im Saal hört man mittlerweile die ersten Geigen aus dem Orchestergraben. Der Saal wird dunkler, das Publikum ruhiger. Der Vorhang hebt sich. Und alles fängt sich an zu drehen. Die Bühne dreht sich, die Figuren laufen von einem Raum in den anderen gegen das Drehen an. Der Raum steht und dann wieder Drehen und Rennen. Nach gut einer Stunde folgt die erste Pause.

Semesterticket Kultur: viel Zustimmung

Angestoßen hat das Ticket die Hochschulgruppe „Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen“. Niklas Hemmerich ist Mitglied. Er sagt: „Das Semesterticket Kultur ist ein großartiges Projekt für die Öffnung der Kultur für breitere Bevölkerungsschichten, insbesondere für die rund 35.000 Studierenden der drei Würzburger Hochschulen.“

Aber wollen diese 35.000 das überhaupt? Um sich der Zustimmung der Studierenden zu versichern, hat Hemmerich die Petition „Lust auf Theater“ gestartet. Mit über 5.300 Unterstützern ein voller Erfolg, findet der Germanistikstudent: „Die absoluten Zahlen bestätigen, dass so viele Studis Interesse an diesem Ticket haben wie an keinem anderen Thema.“ Für das Semesterticket Kultur würden sich zum Beispiel deutlich mehr Leute interessieren, als für die Wahl der Vertreter in der Fachschaft.

Nach einem kleinen Bier haben alle ihre Plätze im Theatersaal wieder eingenommen. Wieder weben Bläser und Streicher den objektivierenden Klangteppich der „minimal music“, wie das Mainfranken Theater die Musik von John Adams Oper beschreibt. Das ganze Bühnenbild ist rot; passend zum kommunistischen China Maos, in dem das Stück spielt. Der zweite Akt geht zu Ende. Auch das Zwischenfazit der WiWi-Studenten fällt positiv aus: „Eine tolle Vorstellung, dafür hätten wir sogar Eintritt gezahlt“, scherzen sie.

Kritische Stimmen unter privaten Theatern

Doch nicht alle sind von kostenlosen Besuchen im Mainfranken Theater so begeistert wie die Gruppe Studenten. Kritik an dem Modell des Semestertickets üben die privaten Theater Würzburg. Sie fürchten einen Einbruch ihrer Ticketverkäufe.

Diese Befürchtung teilt Hemmerich nicht. Erfahrungen in anderen Städten hätten gezeigt, dass die freie Kulturszene gleichbleibend starken Zuspruch seitens der Studierenden erfahren habe. Konkretes Beispiel ist Bochum. Hier sei seit Einführung der „Theater-Flatrate“ eine steigende Popularität der kleineren Theater zu verzeichnen. Nach einer Testphase sei zudem eine Ausweitung des Semesterticket Kultur auf die kleineren Theater geplant.

Felix und seine Kommilitonen sitzen mittlerweile wieder im Theater. Der dritte und letzte Akt beginnt, im blutrot der Handlung gehalten. Ein letztes Mal hebt das Orchester an, um 30 Minuten später zu verstummen und die Akustik dem langanhaltenden Applaus zu überlassen. Dann heißt es wieder warten. Diesmal an der Garderobe.

Überzeugungsarbeit notwendig

Dass ein Ticket überhaupt möglich werden konnte, liege vor allem auch am Mainfranken Theater, sagt Hemmerich. Der neue Intendant Markus Trabusch habe sich nach Antritt seiner Stelle nicht von der Forderung überrollt gefühlt. Wegen seiner Erfahrungen aus anderen Städten habe er selbst über so ein Modell nachgedacht, führt Hemmerich aus. Weniger überzeugt sei Dirk Terwey, geschäftsführender Direktor des Mainfranken Theaters, gewesen. Aber mit einem fairen Vertrag, der für beide Seiten eine Chance bedeutet, sei auch er bald überzeugt gewesen, so Hemmerich.

Felix und den anderen Wirtschaftsstudenten sind diese Hintergründe nicht so wichtig. Sie freuen sich, dass sie „Nixon in China“ kostenfrei besuchen konnten. Und sie freuen sich darauf, bald noch mehr Vorstellungen für zwei Euro im Semester mehr besuchen zu können. Felix ist sich bereits sicher: „Das Ticket wird auf große Zustimmung treffen.“

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