Gap Year nach dem Bachelor: Lücke im Lebenslauf oder sinnvolle Auszeit

Nach dem Bachelor legen viele Studierende ein Gap Year ein - zum Beispiel bei einem Freiwilligendienst in Afrika. Foto: Sebastian Schug.
Nach dem Bachelor legen viele Studierende ein Gap Year ein - zum Beispiel bei einem Freiwilligendienst in Afrika. Foto: Sebastian Schug.

Frisch von der Uni, fragen sich viele Absolventen, welchen Weg sie einschlagen sollen. Weiter studieren und einen Master machen? Direkt für einen Job bewerben? Immer mehr Studierende entscheiden sich für eine Auszeit. Sie legen ein sogenanntes Gap Year ein.

Von Nina Krutsch

Die Bachelorthesis in der Hand öffnet Valentin Rothfuss ein letztes Mal die Tür zum Sekretariat der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg. Er fühlt sich frei. Endlich ist es geschafft. Die unzähligen Stunden in der Bibliothek, das Bangen um die Klausurergebnisse, die Mittagspausen in der Mensa. Das alles liegt nun hinter ihm. „Ich kann es kaum glauben, dass ich endlich fertig bin. Ich bin so stolz auf mich.“ Doch auf die Frage wohin ihn sein Weg nun führt, hat er nur eine vage Antwort: „Mal sehen, vielleicht erstmal ins Ausland oder so.“

So wie Valentin geht es zahlreichen Uni-Absolventen, Tendenz steigend.

Gap Year: Jahr der unbegrenzten Möglichkeiten

„Work and Travel“ in Australien, unterrichten in Kapstadt oder Auslandspraktikum in Singapur? Doch noch einen Master oder direkt der konventionelle Einstieg in den Beruf? Die Welt steht offen, die Möglichkeiten wirken unbegrenzt. Doch desto mehr Möglichkeiten, umso schwerer fällt die Entscheidung.

„Ich wollte meine Komfortzone verlassen und für mich herausfinden, was ich eigentlich will“, sagt auch Julia Wagner. Sie entschied sich im Jahr 2017 nach dem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Würzburg für ein Auslandspraktikum in Bangkok. „Ich wollte noch einmal etwas Anderes erleben, bevor ich weiter studiere oder anfange zu arbeiten. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Gerade dieser Aspekt macht ein Gap Year nach dem Bachelor oder Master für viele sehr attraktiv. Als Absolvent verfügt man über ein Kontingent an Freizeit, das man voraussichtlich später im Leben auf diese Art und Weise nie haben wird. Julia bereute ihre Entscheidung keine Sekunde. Sie sei in vielen Hinsichten über sich hinausgewachsen, sowohl fachlich, aber vor allem auch persönlich.

Nachhaltig positiv beeinflusst

Es erfordert Mut sich ganz allein auf ein solches Abenteuer einzulassen. Eine fremde Kultur, ein ganz neues Umfeld, das mit positiven aber auch mit negativen Eindrücken verbunden sein kann.

Genau diesen Mut musste auch Franziska Dietz aufbringen, als sie nach dem Bachelor für neun Monate nach Nigeria reiste um in einem Waisenhaus zu arbeiten. Es habe zeitweise keinen Strom gegeben, kaum fließendes Wasser; viel Armut und eine sehr schlechte Infrastruktur. Aber dennoch war es für sie ein Erlebnis, dass sie nachhaltig positiv beeinflusst hat. „Ich bin über mich hinausgewachsen“, sagt sie.

Erst nach ihrer Zeit in Nigeria realisierte Franziska, wie stark sie heute von ihren Erlebnissen profitiert. Bei stressigen Situationen im Job oder Privaten reagiert sie nun anders, als sie es vorher getan hätte, sagt sie. Sie habe zu neuem Selbstbewusstsein gefunden und sei ausgeglichener. Sie betont immer wieder, wie sehr sich die Philosophie des „Thinking Out Of The Box“ in ihr gefestigt hat: „Man muss pragmatisch denken – mit dem arbeiten was man hat und unkonventionelle Wege einschlagen.“

„Thinking out of the box“

Das sogenannte „Thinking Out Of The Box“ ist eine Eigenschaft, die in der heutigen Berufswelt mehr und mehr an Relevanz gewinnt. Früher wurde ein Gap Year gerne belächelt. Man brachte es sogar mit Faulenzen und Nichtstun in Verbindung. Doch heutzutage rücken Persönlichkeitsentwicklung und Interkulturalität zunehmend in den Vordergrund. Der Ruf des Gap Years hat sich gewandelt.

Tatsächlich stößt ein Gap Year auch bei Personalern auf positive Resonanz. Das Gap Year stellt keine Lücke im Lebenslauf dar. Die fachliche Kompetenz allein steht bei der Einstellung nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr geht es um die persönlichen Erfahrungen des Bewerbers. Auch Julia gibt zu bedenken: „Man muss sich schon überlegen, ob Ausland heute nicht mehr Kür, sondern Pflicht ist.“

Eine Einschätzung, die Justina Ulrich-Spatz bestätigt. Sie arbeitet als sogenannte „Procurement Managerin“ bei der GB-Chemie GmbH, einem Chemie-Großhändler. Stellen sich junge Bewerber bei ihr vor, rechnet sie das Gap Year im Lebenslauf als Pluspunkt an. Es zeige, dass der potentielle Mitarbeiter sich ständig weiterentwickeln möchte und selbstständig arbeiten kann. „Allerdings muss der Bewerber uns im persönlichen Gespräch zeigen, dass die oben genannten Eigenschaften auch von ihm erworben wurden.“

Die Qual der Wahl

Ob Valentin Rothfuss sich nun für ein Gap Year entscheidet oder direkt ins Berufsleben startet, lässt er derzeit noch offen. Fest steht: Es gibt keine richtigen oder falschen Entscheidungen. Doch eines ist klar: Ihm stehen alle Möglichkeiten offen.

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